|
DIE ZEITLOSE ZEIT DES KASPAR HAUSER
Von Ulrich Flechtner (c)
Es hätte gut sein können, dass sich im Schuljahr 2002/03 am Fürther Heinrich-Schliemann-Gymnasium ein Schüler angemeldet hat, der schon vor vielen Jahren sein Abitur gemacht hat. Und das nicht nach dem Genuss einer Feuerzangenbowle, sondern weil an dieser Schule ein Projekt entstanden ist, das wohl einzigartig sein dürfte und das man mit gutem Grund als visionär bezeichnen darf. Als ich von dem fächer- und stufenübergreifenden Projekt “Kaspar Hauser” erfahren habe, wurde mir schlagartig bewusst, wie trostlos und eintönig der Frontalunterricht war, den ich einst genießen musste. Ich beglückwünsche die Schule zu diesem großartigen Vorhaben, das Lust auf Unterricht macht und wie selbstverständlich Eigenschaften, Erfahrungen und Verhaltensweisen der Schüler fördert, die in der heutigen Gesellschaft unverzichtbar und wichtiger als sinn- und zusammenhanglos auswendig gelerntes Detailwissen sind: Planung, Kommunikation, Verantwortungsbewusstsein, Integrationsfähigkeit, gegenseitiges Verständnis, ganzheitliche Betrachtungsweise, systematisches Strukturdenken, Teamwork, Teamgeist, Corporate Identity, Freundschaft.
Meine Begeisterung wird natürlich noch durch das Projektthema gesteigert, denn mit “Kaspar Hauser” habe ich mich schon seit vielen Jahren und titelgerecht unzählige “Nächte” hindurch sehr intensiv beschäftigt. Der “Findling von Nürnberg” hat schon kurz nach seinem Auftauchen am 26. Mai 1828 weltweite Aufmerksamkeit erregt, die bis heute anhält. Bereits 1927 gab es ca. 1.000 bibliographische Nachweise. Seither kamen Hunderte neuer Sachbücher, Aufsätze, Kommentare, Romane und Gedichte hinzu. In Bezug auf das “Kind von Europa” sind Musikproduktionen von der Moritat bis zu Pop, Rock und klassischen Kompositionen entstanden, Konzeptalben, Klanginstallationen, zwei Opern, ein schwedisches und ein deutsches Musical (Uraufführung 2001 in Malmö und 2002 in Ansbach), Theaterstücke, Ballett- und Tanzproduktionen, Performances, sechs Filme von der Stummfilmzeit bis zu der mehrfach preisgekrönten Produktion von Peter Sehr mit André Eisermann, TV-Dokumentationen (zuletzt wurde am 15.12.2002 im ZDF der “Mordfall Kaspar Hauser” ausgestrahlt). Bildende Künstler aller Stilrichtungen haben sich unter Einsatz jeder denkbaren Technik mit dem Thema auseinander gesetzt. Die alle zwei Jahre im August stattfindenden Kaspar-Hauser-Festspiele in Ansbach (nächster Termin 2004) bieten neben vielfältigen Sachinformationen wechselnde künstlerische Aus- und Überblicke. Im www-Zeitalter findet man im Internet Themenseiten in vielen Sprachen.
Diese durch den Menschen Kaspar Hauser und sein Schicksal inspirierte Ausdrucksvielfalt, die disziplinübergreifende und sich immer wieder in überraschender Weise mosaikartig ergänzende Darstellung und Diskussion seiner Person, seines Lebens und seiner Geschichte mit unzähligen verschiedenen Ansatzpunkten in Kriminalistik, Rechts- und Geschichtswissenschaft, Medizin bis hin zur Homöopathie und Gentechnik, Literatur, Kunst, Musik, Pädagogik, Psychologie, Philosophie, ist besonders faszinierend. In diesem Sinne steht das fächerübergreifende Schulprojekt in bester Hauser-Tradition und ist gerade auch deshalb stimmig.
Bei der Beschäftigung mit dem Thema fällt eine im Zeitpunkt des Auftauchens des Findlings beginnende und bis heute anhaltende geradezu unglaubliche Polarisation in so genannte Hauserianer (Befürworter) und Anti-Hauserianer (Gegner) auf. Die Diskussion wird nach wie vor oft nur polemisch geführt. Erst kürzlich meinte ein selbst ernannter Sachverständiger die sachliche Darstellung der bisherigen Ergebnisse der etwa 170-jährigen Hauser-Forschung in einer Fernsehsendung als “perfiden Schwachsinn” qualifizieren zu müssen.
Hier zeigt sich in Wahrheit erneut die rücksichtslose Instrumentalisierung Hausers zur Befriedigung eigensüchtiger Interessen, ein durchgängig festzustellendes zeitloses Phänomen. Hauser durfte lebenslang nie er selber sein. Er wurde als “Wilder” im Nürnberger Gefängnisturm zur Befriedigung der Sensationslüste der Bevölkerung ausgestellt und begafft. Bürgermeister Binder machte ihn durch seine “Bekanntmachung” zum Medienereignis und Nürnberg war als Reiseziel begehrt. Er wurde von seinem Lehrer Daumer ohne Rücksicht auf seine Bedürfnisse nach den herrschenden Anschauungen “kultiviert” und gnadenlos für dessen homöopathische und hypnotische Experimente ausgebeutet. Er musste Fleisch essen, obwohl er mit Brot und Wasser zufrieden war. Er musste Latein lernen, obwohl sein deutscher Sprachschatz anfangs gerade einmal 50 Wörter betrug. Beschämend für den Erzieher seine logische Frage, ob denn auch die Römer Deutsch lernen mussten, um richtig Lateinisch sprechen zu können. Er wurde von seiner Pflegemutter Biberbach in ihren Damenkränzchen zur Steigerung ihrer gesellschaftlichen Stellung als Exot vorgeführt. Durch Lord Stanhope wurde er als angeblicher Magnat von hoher Abstammung zu Eitelkeit und Lügenhaftigkeit verführt, tatsächlich war er nur das Objekt in einem miesen Spiel dieses Agenten. Auch sein Beschützer Feuerbach profilierte sich durch seine Schriften zum badischen Prinzentum Hausers letztlich ohne Rücksicht auf die hierdurch auf Grund der politischen Lage Europas nach dem Wiener Kongress und im so genannten Vormärz für Hauser eintretende Lebensgefahr. Wenn schließlich die Kerkertheorie zutrifft, war er von Geburt an bloßes Pfandobjekt zur Durchsetzung dynastischer Machtinteressen. Damit nicht genug. Nach seiner feigen Ermordung wurde er von seinem “Pflegevater” Stanhope systematisch als Betrüger denunziert. Dieses Ziel verfolgten auch regelrechte Hetzschriften, die unter anderem auch im Auftrag des badischen Hauses veröffentlicht wurden. Es gab so viele “Fälschungen, Falschmeldungen und Tendenzberichte” zur Erniedrigung des Findlings, dass sich der bekannteste Hauser-Forscher Dr. Hermann Pies damit in einem eigenen Buch auseinander setzen musste.
Diese Instrumentalisierung Hausers war jedenfalls ab seinem Erscheinen in Nürnberg wiederum nur deshalb möglich, weil er mit 16 Jahren im eigentlichen Wortsinn immer noch “sprachlos” und damit gegenüber den Mitmenschen wehrlos war. Er verstand die Umwelt nicht und diese konnte ihn nicht verstehen. Ohne gemeinsame Sprache war keine Kommunikation möglich. Dies führte zu unerträglicher Intoleranz gegenüber dem Andersartigen, dem Individualisten. Ein zeitloses Problem. Das Schulprojekt ist geradezu prädestiniert, diese Zusammenhänge zu verdeutlichen und auf die überragende Bedeutung von Sprache für das Zusammenleben in unserer Gesellschaft und für die Integrierung von Minderheiten hinzuweisen.
Kaspar Hauser fasziniert die Menschen nicht zuletzt deshalb, weil in seinem Fall nahezu alles mysteriös und rätselhaft ist. Die Frage, wer er tatsächlich war, ist bis heute brandaktuell geblieben. Die so genannte Erbprinzentheorie hält ihn für den am 29.09.1812 geborenen und aus Erbfolgegründen in der Wiege ausgetauschten Sohn des badischen Großherzogs Karl und seiner Frau Stephanie de Beauharnais, der offiziell am 16.10.1812 namenlos verstorben ist. Der Kerkerlegende zufolge soll er später längere Zeit in einem dunklen Verließ im Pilsacher Wasserschloss versteckt worden sein. Nach anderen Erklärungsversuchen soll Hauser Betrüger, Idiot, Tiroler Dorfdepp, Sohn Napoleons, Sohn des Bürgermeisters Binder oder menschliches Versuchsobjekt in der Tradition Friedrichs II. von Hohenstaufen gewesen sein. Die Anthroposophen vereinnahmen ihn sogar als spirituelle Erscheinung mit okkulter Mission.
Zur endgültigen Klärung seiner Herkunft wird inzwischen modernste Gentechnik eingesetzt. Der “Spiegel” verkündete am 23.11.1996 im Rahmen einer Pressekonferenz in Ansbach auf der Grundlage eines Vergleichs des aus mitochondrialer DNA gewonnenen Gencodes des Blutflecks auf der Unterhose, die er zum Zeitpunkt des tödlichen Dolchstiches am 14.12.1833 getragen haben soll, mit dem nicht übereinstimmenden Gencode weiblicher Abkömmlinge der Zähringer-Linie nach Stephanie de Beauharnais ein Endurteil: Kaspar Hauser ist nicht der Prinz von Baden. Das mit Absolutheitsanspruch behauptete Ergebnis der im übrigen nicht vom “Spiegel” bezahlten Untersuchung ist unwissenschaftlich und unschlüssig begründet, weil die Authentizität von Blutfleck und Unterhose nicht sicher belegt ist. Inzwischen ist durch eine weitere, am 17.08.2002 erstmals veröffentlichte DNA-Analyse von Prof. Dr. Brinkmann vom Institut für Rechtsmedizin der Universität Münster die “Spiegel”-These widerlegt. Denn die Gencodes, jetzt abgeleitet unter anderem aus zwei als authentisch geltenden Haarproben Hausers unterschiedlicher Herkunft, sind untereinander identisch, stimmen jedoch mit dem Gencode des Blutflecks auf der Unterhose nicht überein. Darüber hinaus differieren die Gencodes der Haare im Vergleich zum Gencode weiblicher Abkömmlinge des badischen Hauses aus der Zähringer-Linie nur noch in einem Basenpaar. Auch wenn dieses Ergebnis für einen sicheren Nachweis noch nicht ausreicht, kann aus wissenschaftlicher Sicht derzeit eine badische Abstammung Hausers jedenfalls nicht mehr ausgeschlossen werden. Alles deutet wieder in Richtung Karlsruhe. Wissenschaftlich-historische und medizintechnische Forschungsergebnisse lassen sich plötzlich wieder in Einklang bringen. Die Erbprinzentheorie mag Lücken und damit Schwächen haben. Es spricht aber letztlich keine andere Theorie überzeugend gegen sie.
In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage, warum ein angeblich so unbedeutender jugendlicher Findling bis heute immer wieder systematisch und mit ungeheurem Aufwand als Betrüger und Idiot denunziert wird, warum noch im Jahre 1996 der sich selbst als kritisch und objektiv darstellende “Spiegel” ein fremdfinanziertes, wissenschaftlich unhaltbares Urteil als Titelstory im reißerischen Stil der Sensationspresse präsentiert, über das sich das Haus Baden erfreut zeigte. Dabei drängt sich doch unweigerlich der Eindruck auf, dass mit der Herkunft Hausers und der Negierung seiner Erbprinzenstellung aktuell immer noch bedeutende Interessen verbunden sein müssen ...
In wissenschaftsgläubiger Zeit geht das Bestreben zu eindeutigen, vermeintliche Sicherheit gewährenden Antworten. Wesentlich für den Mythos Kaspar Hauser ist aber gerade, dass eben nicht jedes Detail aufklärbar ist, rätselhaft bleibt, Raum für Spekulationen und neue Diskussionsansätze lässt. Nur in einem solchen “Klima” kann ein Schulprojekt wie jetzt am Heinrich-Schliemann-Gymnasium so kreativ gedeihen. Das macht den zeitlosen Reiz dieses Kriminalfalles aus. Der Mythos lebt! |